Kieler Nachrichten

20. Juni, 2006

 

Gottorf

Stilvolle Verbeugung vor dem Barock

Schleswig – Nach dreijähriger Pause wurden am Wochenende die Gottorfer Barockmusiktage und zugleich die höfische Musikkultur der Barockzeit zu wahrhaft neuem Leben erweckt. Unter dem Motto "Repräsentation und Internationale Beziehungen" oder "Lust und Liebe" veranschaulichten mehrere auf Alte Musik spezialisierte Ensembles überzeugend festliches Treiben, wie es vor mehr als 300 Jahren am selben Ort stattgefunden haben mag.
Knüpfers Canzonette Es muss in mir die Liebe quellen stiftete den Titel für das beeindruckende Abschlusskonzert mit dem Calmus-Ensembles Leipzig und dem Leipziger Concert. Zu den Höhepunkten zählte auch das Konzert mit festlicher Barockmusik des Ensembles Chelycus. Ob humorvoll, prächtig oder tragisch – stets wurde auf äußerst hohem Niveau Musik geboten. Die Leipziger Ensembles (Anja Lipfert, Sopran, und vier ehemalige Thomaner sowie vier Streicher und Cembalistin) entfalteten außerordentliche Homogenität.
Mit Klangschönheit und Witz entließen sie stimmungsvoll in einen lauen Sommerabend. Sportlich elegant präsentierten am Sonntagvormittag zwei Paare des "Dresdner Hoftanzes" nach historischen Vorlagen höfischen Barocktanz mit Erklärungen des Choreographen Manfred Schnelle – takt- und rhythmussicher begleitet von Anne Schumann (Barockvioline), Niklas Trüstedt (Viola da gamba) und Sebastian Knebel (Cembalo): zart besinnlich, virtuos oder klangvoll bis deftig.
Kurzfristig am Sonnabend eingesprungen begeisterten das Chelycus Ensemble, das am Freitag zur Eröffnung konzertiert hatte, und der Barocktrompeter Will Wroth (Rotterdam) mit enormer Spielfreude, einer bis an die technischen Grenzen der Instrumente gehenden Expressivität und Virtuosität. Sinn für Dramaturgisches kennzeichnete ihr Spontanprogramm: Andreas Arend (Theorbe) leitete etwa von Kapsbergers Canzona prima direkt in eine Oswald-Sonata (Veronika Skuplik, Violine; Michael Fuerst, Cembalo) über, oder sie nutzten räumliche Effekte aus wie bei einer Sonata Bibers, bei der Wroth mit seinem einer menschlichen Stimme gleichenden Trompetenton aufhorchen ließ, der später zum Schmettern anwuchs. Ob sich Violine und Dulzian (Adrian Rovatkay) ausdrucksstark ihr Soggetto zuspielten oder wie in Ehrenrufs Sonata VI Violine und Theorbe mit explosiver Impulsivität begeisterten – rasch wechselten Stimmungen vom leisen Hauch zu gepfeffertem Temperamentsausbruch. Ein Beiprogramm, zu dem auch ein Vortrag der Musikwissenschaftlerin Linda M. Koldau zählte, ergänzte das gut besuchte, stilvolle Festival.

Almuth Jedicke

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